IG Farbenindustrie AG, Werk Premnitz

 

Im Jahr 1916 errichteten die „Vereinigten Köln-Rottweiler Pulverfabriken“ in Premnitz eine Pulver- und Schießwollefabrik. Nach Beendigung des Krieges wurde es als Werk der Rüstungsindustrie stillgelegt und musste seine Produktion umstellen. Unter der Firmenbezeichnung „Köln-Rottweil AG, Fabrik Premnitz“ erfolgte 1919 die Umstellung des Betriebes auf Kunstseidenproduktion nach dem Viskoseverfahren. Angetrieben durch den Konkurrenzkampf im In- und Ausland wurde in Premnitz neben der Herstellung von Kunstseide, v.a. der Travisseide, an der Entwicklung einer neuartigen Kunstfaser gearbeitet und es gelang erstmalig, eine Kunstspinnfaser herzustellen. Sie erhielt den Namen „Vistra“. Damit hatte sich Premnitz zum Pionierbetrieb auf dem Gebiet der Viskosefaser entwickelt.

Nach der Fusion der „Köln-Rottweil AG“ mit dem 1925 gegründeten „IG-Farben-Konzern“ wurde die Fabrik Premnitz in „IG Farbenindustrie AG, Werk Premnitz“ umbenannt und gehörte zur Sparte III des Konzerns (Betriebsgemeinschaft Berlin). Der IG-Farben-Konzern gliederte sich auf mittlerer Konzernebene nach Produktionsbranchen, die Sparte III fasste alle IG-Werke zusammen, die fotografische Produkte und Kunstfasern herstellten.

Mit der Zugehörigkeit zur „IG Farbenindustrie AG“ wurden in Premnitz die technischen Anlagen im Werk erweitert. Um den Absatz im In- und Ausland zu sichern, mussten die Produktion erhöht, die Verfahren wirtschaftlicher gestaltet und die Qualität der Erzeugnisse weiter verbessert werden. Für die Forschung und Entwicklung wurden erhebliche Mittel eingesetzt, die zur Verbesserung der Travisseide, einer feinstfädigen Kunstseide, und v.a. der Vistrafasern führten. Ende 1931 wurde die Herstellung einer mittelfädigen Seide neu aufgenommen, die als Glanzseide („Trinova“) und als Mattseide („Suprema“) herausgebracht wurde. Die „Suprema“ fand als Spezialstrumpfseide einen hohen Absatz. Versuche, die Supremaseide nach einem Direktverfahren herzustellen, führten zur Entwicklung des Zentrifugen-Zwirn-Verfahrens.

Während der Zeit der Weltwirtschaftskrise gestaltete sich der Absatz vor allem auf den ausländischen Märkten sehr schwierig. Die Werkleitung in Premnitz entließ zahlreiche Arbeiter und senkte die Löhne. Infolge mangelhaften Arbeitsschutzes ereigneten sich schwere Unfälle, Brände und Explosionen im Premnitzer Werk. Ein großes Explosionsunglück vom 7. Dezember 1932 forderte 12 Menschenleben.

Von 1933 an erfolgte die Einbeziehung des Betriebes in das Aufrüstungs- und Kriegsprogramm des NS-Staates. Aus dessen Autarkiestreben zog der IG-Farben-Konzern großen Nutzen. Im Rahmen des „Nationalen Faserstoffprogramms“ wurden Fasern aus einheimischen Rohstoffen gefordert, denn die Unabhängigkeit von Baumwollimporten war von besonderer Bedeutung. Die Zellwolle sollte die Baumwolle ersetzen und musste mit dem Naturprodukt konkurrenzfähig sein.

Während des Nationalsozialismus wurden in größerem Umfang die technischen Anlagen des Vistrabetriebes und des Travisbetriebes modernisiert und erweitert. Auf dem Gebiet der Viskosefaserforschung tauschte das Werk Premnitz Ergebnisse mit anderen IG-Werken, für die Herstellungsverfahren konnten sogar eigene Forschungsergebnisse zugrunde gelegt werden. In Premnitz wurden v.a. bei der Entwicklung der Vistrafasern wichtige Erfolge erzielt.

Als Spezialfaser für das Wollgebiet wurde die Vistra-XT-Faser entwickelt, eine Faser mit beständiger Kräuselung und Oberflächenstruktur ähnlich der natürlichen Wolle; die Vistra-XTh-Faser hatte zusätzlich wasserabweisende Eigenschaften. Der Hauptteil der Produktion ging an die Baumwolle verarbeitende Industrie, ein geringerer wurde für die Entwicklung von Fasern für das Wollgebiet verwendet. Die für die Baumwollindustrie hergestellten Spezialtypen waren Vistra-HB, die CWW-Fasern und die PKR-Faser, die sich durch eine besonders hohe Nassfestigkeit auszeichnete. Damit war „Vistra“ für die Herstellung von Militärtuchen geeignet. Mit den IG-Werken Premnitz, Wolfen, Dormagen, Oppau und Lichtenberg wurde die IG-Farben zum größten Zellwollunternehmen der Welt, wobei Premnitz die führende Rolle innehatte. Bei der Weltausstellung in Paris 1937 erhielt die „Vistra“ die höchste Auszeichnung, den Grand Prix (Abb. 1-5).

In Premnitz befand sich auch eine Anlage zur Herstellung von Schwefelkohlenstoff, die den Bedarf für sämtliche Kunstseidefabriken der IG deckte. Nach dem Ausbau alter Gebäude der ehemaligen Pulverfabrik wurde auch die Produktion von Aktivkohle aufgenommen.

Das Werk verfügte wie der gesamte Konzern über ein gut ausgebautes Netz sozialer Einrichtungen. Sie dienten v.a. dazu, die Arbeiter zur Werkstreue zu erziehen und eine Stammbelegschaft guter Fachleute im Werk heranzubilden (Abb. 6, 7).

Bereits seit 1933 hatte das Werk als Wehrwirtschaftsbetrieb mit besonderen Produktionsaufgaben fungiert. Nach Kriegsausbruch trat im Werk Premnitz das Mobilisierungsprogramm, dazu gehörte auch die Herstellung von Fallschirmseide, in Aktion. Für die Weiterentwicklung der Perlonfasern, v.a. für militärische Zwecke, wurde ein Teil der Perlonseideanlage von Landsberg (Warthe) (heute: Gorzów Wielkopolski) nach Premnitz verlagert. Inbetriebnahme und Ausbau der Perlonanlage wurden schnell vorangetrieben. Zu den weiteren Kriegsaufträgen gehörten die Erzeugung von Fallschirmtextilien und die Entwicklung eines für die Herstellung von Gasschutzstoffen einsetzbaren Perlongarns bzw. -gewebes. Neben den Versuchen auf dem Gebiet der Perlonfaser wurde bis Ende des Krieges an der für Militärtuche einsetzbaren Vistrafaser gearbeitet.

Zudem kam es in den Jahren des Zweiten Weltkriegs zu einer enormen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und der Rechte der Werksangehörigen. Zwangssparen und die Rationierung von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern wurden eingeführt, durch Kriegsdienstverpflichtungen und die Einführung einer 60-Stunden-Woche (1944) erreichte die Belastung ihren höchsten Grad. Im Laufe des Krieges mussten in Premnitz immer mehr Frauen und Jugendliche in der Rüstungsindustrie arbeiten. Auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die unmenschlicher Behandlung, Unterbringung und mangelhafter Verpflegung ausgesetzt waren, mussten im IG-Farben Werk Höchstleistungen erbringen. Unter den schlechtesten Bedingungen litten sowjetische und polnische Zwangsarbeiter. Gescheiterte Fluchtversuche wurden mit dem Leben bezahlt. Ausländische Zwangsarbeiter riefen 1944 im Werk Premnitz zu Aktionen für die Beendigung des Krieges auf.

Nach dem Ende des Krieges fiel das Werk in Premnitz unter das von den vier Besatzungsmächten am 30. November 1945 gemeinsam beschlossene Kontrollratsgesetz Nr. 9: Beschlagnahme und Kontrolle des Vermögens der IG Farbenindustrie AG. Im Herbst 1945 wurde das Werk unter Treuhandverwaltung gestellt. Bei den Nürnberger Prozessen stand der gesamte IG Farben-Konzern unter Anklage und wurde für seine aktive Beteiligung an Kriegsverbrechen verurteilt.

 

(Textvorlage: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Rep. 75 IG Farbenindustrie AG, Werk Premnitz, Bestandsübersicht / Firmengeschichte [Siehe: Hier], ergänzt und bearbeitet von Vinzenz Czech)

Quellen

Brandenburgisches Landeshauptarchiv Rep. 75 IG Farbenindustrie AG, Werk Premnitz.

Literatur

Plumpe, Gottfried: Die I.G.-Farbenindustrie AG. Wirtschaft, Technik und Politik 1904-1945. Berlin 1990.

Coch Werner: 100 Jahre Industriestandort Premnitz. Aus der Geschichte der „Villa am See“. In: Rathenower Heimatkalender 60 (2016), S. 81-84.

Coch Werner: 100 Jahre Industriestandort. Fortsetzung. In: Rathenower Heimatkalender 61 (2017), S. 67-71.

Seiffert, Gerhard: Die weitere industrielle Entwicklung von Premnitz von 1928 bis 1970. In: Rathenower Heimatkalender 15 (1971).

Abbildungsnachweis

Abb. 1, 3, 6, 7 http://www.ipp-premnitz.de/der-industriepark/historie.html.

Abb. 2 Gemeinfrei.

Abb. 4 https://nat.museum-digital.de/object/48710 (Industrie- und Filmmuseum Wolfen - CC-BY-NC-SA).

Abb. 5 https://nat.museum-digital.de/object/732422 (Industrie- und Filmmuseum Wolfen - CC-BY-NC-SA).

Empfohlene Zitierweise

IG Farbenindustrie AG, Werk Premnitz, publiziert am 17.05.2022; in: Industriegeschichte Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)


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