Hirsch Kupfer- u. Messingwerke AG, Finow

 

Lorenz Gottlieb Schütz, Tanzmeister, Hofkomödiant und „Messinginspector“ überzeugte 1696 den Kurfürsten von Brandenburg vom Bau einer Messinghütte in Heegermühle, welcher 1698 begann und 1700 vollendet war. Ab 1702 wurde die Messinghütte an den Kaufmann Friedrich Müller aus Halle bis zu dessen Bankrott im Jahre 1709 verpachtet. Danach traten die französischen Réfugiés Aureillon, Didelot und Lejeune als neue Pächter ein. Ab 1719 übernahm die Kurmärkische Kammer wieder die Verwaltung und errichtete von 1721 bis 1725 das später so genannte „Altwerk“. Nachfolgend trat das Berliner Handelshaus Splitgerber & Daun von 1729 bis 1789 als Pächter auf. Die Kgl. Bergwerks- und Hütten-Administration übernahm jedoch bereits 1786 wieder die Leitung des Messingwerks. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte eine schrittweise Vergrößerung des „Altwerkes“. Um das Werk herum hatte sich bereits im 18. Jahrhundert eine eigene Siedlung für die dort tätigen Arbeiter herausgebildet, eine der ältesten Industriesiedlungen überhaupt in Brandenburg.

1863 verkaufte der preußische Staat das „Königliche Messingwerk Heegermühle“ für 100.000 Taler an Aron Hirsch und Sohn in Halberstadt. In den folgenden Jahren entstand unter der Leitung von Gustav Hirsch, Sohn des Firmengründers Aron Hirsch, aus dem Messingwerk ein moderner Großbetrieb. Zusammen mit dem Kupferwerk in Ilsenburg (Harz) schloss man sich unter dem Namen „Hirsch Kupfer- und Messingwerke“ zusammen. Produziert wurden Bleche, Drähte, Kessel und Röhren. Zu den Erzeugnissen gehörten nun aber auch verstärkt Munitionshülsen, Granaten und Zünder für das Militär, wobei der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 dem Werk eine Reihe von Großaufträgen sicherte. Bald schon konnten 200 Arbeiter beschäftigt werden (Menzel 2007, 9). Auch die Messingwerksiedlung wurde unter Gustav Hirsch bedeutend ausgebaut. Nach dem Tod seines Onkels 1898 übernahm Aron Hirsch die Gesamtleitung des Messingwerkes in Finow (Abb. 1-7).

Zusammen mit der Deutschen Bank wurde 1906 die „Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG“ gegründet, eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 8 Millionen Mark. Den Kern des Unternehmens bildeten dabei die Werke in Ilsenburg und in Finow mit der jüdischen Familie Hirsch an der Spitze. Der Geschäftssitz wurde daraufhin vom Stammhaus in Halberstadt nach Berlin verlegt. Nach dem Tod des Kommerzienrats Benjamin Hirsch, Sohn des vormaligen Firmenleiters Gustav Hirsch, ging die Leitung des gesamten Unternehmens 1910 auf Aron Hirsch über.

Im Ersten Weltkrieg war das Messingwerk in Finow in die Rüstungsproduktion eingebunden und erzielte anfänglich große Gewinne. Waren 1907 etwa 950 Arbeiter angestellt, so stieg die Anzahl der Beschäftigten bis 1918 auf ca. 2.400 (Menzel 2007, 10). Darüber hinaus expandierte das Unternehmen und erbaute von 1917 bis 1919 800 Meter nordöstlich vom „Altwerk“ das „Neuwerk“ mit zwei riesigen Hallen. Es waren Eisenkonstruktionen einer neuen Waggonfabrik aus dem französischen Valenciennes, die als deutsche Kriegsbeute demontiert worden waren. Verantwortlich für die Fassadengestaltung war der Architekt Paul Mebes, dessen Entwürfe für den Wohnungs- und Städtebau zu Beginn des 20. Jahrhunderts europaweit Beachtung fanden (Abb. 8, 9).

Im „Neuwerk“ wurden ab 1920 vor allem Halbfabrikate wie Bleche, Bänder, Drähte, Röhren, Stangen, Profil- und Pressteile aus Messing und Kupfer hergestellt (Abb. 10). Dank der aus den Gewinnen der Rüstungsproduktion und der Wiederaufnahme der Auslandsgeschäfte nach Kriegsende resultierenden Stabilisierung des Unternehmens konnten bis 1921 noch weitere Bauten von neuen Produktionsstätten, der Anschluss des „Neuwerks“ an den 1914 eröffneten Oder-Havel-Kanal (Hohenzollern-Kanal) und der eigene Anschluss vom „Neuwerk“ an das Gleisnetz der Deutschen Reichsbahn ermöglicht werden. So wurde die „Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG“ mit seinen ca. 50 zugehörigen und beteiligten Unternehmen im In- und Ausland zu einem der bedeutendsten Kupfer- und Messingwerke in Europa.

Aber bereits mit Beginn der Weltwirtschaftskrise blieben zunehmend Aufträge aus und führten zu einer Nichtauslastung des Neuwerkes, damit begann allmählich der Niedergang des Konzerns. 1929 verlor die „Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG“ auch noch die Hälfte ihres Aktienkapitals mit Versuchen eines Wiedereintrittes in den Zinnmarkt.

Des Weiteren versuchte man sich Anfang der 1930er Jahre mit der Fertigteilbauweise für Wohnhäuser aus Kupferblechen. Dieses Verfahren wurde von dem Ingenieur Friedrich Förster und dem Architekten Robert Krafft entwickelt. Damit weckte man das Interesse des berühmten Architekten Walter Gropius, Gründer des Bauhauses in Weimar, später in Dessau. Die daraus entstehende Zusammenarbeit von Gropius, Krafft und der „Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG“ führte zu dem Projekt „Fabrikation von Kupferhäusern am laufenden Band“. 1931/1932 baute man sogar acht verschiedenartige Musterhäuser am Rande der Messingwerksiedlung (Abb. 11). Aber letztlich waren alle Versuche erfolglos.

1932 erfolgte dann eine Neugründung des Unternehmens in zwei separaten Gesellschaften: die „Berliner-Ilsenburger Metallwerke AG“ und die „Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG“ (HKM). Mit der Neugründung stieg das „Neuwerk“ zu einem der größten und modernsten Messingwerke innerhalb Deutschlands auf.

Nach 1932 schied die Familie Hirsch, u.a. infolge der Berliner Bankenkrise schrittweise bis 1938 vollständig aus dem Unternehmen aus. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte der ehemalige Juniorchef Siegmund Hirsch aufgrund der jüdischen Herkunft der Familie nach Ägypten.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die Produktion auf Halbzeugfabrikate aus Leicht- und Schwermetallen für die deutsche Rüstungsproduktion und Wehrmacht umgestellt. Ab 1941 firmierte das ursprünglich „jüdisch“ geprägte Unternehmen dann unter dem „arischen“ Namen „Finow Kupfer- und Messingwerke AG“ (FKM). Der Betrieb gehörte mit 98 % seiner Anteile der „Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft“ (AEG). Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges blieb das Alt- und Neuwerk von alliierten Bombenangriffen verschont. 1945 erfolgte die Demontage des „Neuwerks“ gemäß Befehl der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland. In den 1950er Jahren nahm der „VEB Walzwerk Finow“ dort die Arbeit auf.

 

(Textvorlage: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Rep. 75 Hirsch Kupfer- u. Messingwerke AG, Finow (Heegermühle); Bestandsübersicht / Firmengeschichte [Siehe: Hier], ergänzt und bearbeitet von Vinzenz Czech)

Quellen

Brandenburgisches Landeshauptarchiv Rep. 75 Hirsch Kupfer- u. Messingwerke AG, Finow (Heegermühle).

Literatur

Fischer, Ingrid: Eberswalde. In: Diekmann, Irene A. (Hg.): Jüdisches Brandenburg. Geschichte und Gegenwart (=Beiträge zur Kultur der Juden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen; Bd. 5). Berlin 2008, S. 52-84.

Seifert, Carsten u.a.: Das Finowtal im Barnim. Wiege der brandenburgisch-preußischen Industrie. Berlin 2000.

Menzel, Christian: Das Messingwerk und das Alte Hüttenamt. Eberswalde 2007. [Siehe: Hier]

Schmidt, Rudolf: Hirsch. Ein Kaufmanns- und Industriegeschlecht. Eberswalde 1929. [Siehe: Hier]

Schmidt, Rudolf: Messingwerk. Ein Dokument der Arbeit. Festschrift zur 25-jährigen Jubelfeier der Freiwilligen Feuerwehr Messingwerk. Eberswalde 1927. [Siehe: Hier]

Abbildungsnachweis

Abb. 1-10 Schmidt, Rudolf: Messingwerk. Ein Dokument der Arbeit. Festschrift zur 25-jährigen Jubelfeier der Freiwilligen Feuerwehr Messingwerk. Eberswalde 1927.

Abb. 11 https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Heegermuehle-wasserturm.jpg

Empfohlene Zitierweise

Hirsch Kupfer- u. Messingwerke AG, Finow, publiziert am 18.03.2022; in: Industriegeschichte Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)


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